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Ihre Tour durch die Maxvorstadt beginnt am Odeonsplatz, einem der wichtigsten Knotenpunkte Münchens. Hier, im historischen Luitpoldblock, sind seit einigen Monaten die neuen Galerieräume von max goelitz zu finden. Mit grauem Sichtbeton und glänzenden Aluminiumoberflächen bieten sie einen abwechslungsreichen Gegenpol zu den herkömmlichen White Cubes des Kunstbetriebs. Die Galerie ist dafür bekannt, etablierte Positionen der Konzeptkunst sowie aufstrebende Künstler:innen, die sich mit der Komplexität unserer Gegenwart auseinandersetzen, zu vertreten. Für die diesjährige Ausgabe von Various Others ist die Schweizer Galerie Hauser & Wirth bei max goelitz zu Gast. Die Ausstellung bringt Werke der zeitgenössischen Künstler Lukas Heerich und Rindon Johnson mit ausgewählten, frühen Arbeiten von Eva Hesse in einen generationsübergreifenden Dialog. Hesse, die bereits 1970 in New York verstarb, griff in ihren Malereien und Papierarbeiten Themen wie Instabilität, Nonkonformität und Verletzlichkeit auf und setzte sich mit Körperlichkeit sowie psychischer Verflechtung auseinander. Heerich und Johnsongreifen Hesses Praxis auf und interpretieren sie weiter. Dabei reagieren sie bewusst auf die Architektur der Räumlichkeiten, um eine körperliche Erfahrung hervorzurufen. Die Galerie wird zu einem Ort, in dem sich Hesses Themen in den Materialien und räumlichen Strategien von Heerich und Johnson widerspiegeln.
Nicht weit vom Odeonsplatz entfernt befindet sich seit nunmehr drei Jahren die Galerie nouveaux 22, die inzwischen zu einer festen Instanz in der Münchner Kunstszene geworden ist. Die Inhaber und Galeristen Vinh Thang und Gawain v. Mallinckrodt haben es sich zur Aufgabe gemacht, junge, aufstrebende Künstler:innen zu fördern. Für Various Others arbeitet nouveaux 22 mit der Kuratorin Luisa Seipp zusammen. Gemeinsam konzipieren sie eine Einzelausstellung mit Arbeiten der französischen Künstlerin Paola Siri Renard. In ihren skulpturalen Arbeiten untersucht Renard Attribute der westlichen Architektur sowie kollektive Bildwelten verschiedener Kulturen. Mit ihren von Hand modellierten Objekten hinterfragt die Künstlerin den Umgang mit kulturellem Erbe im Spannungsfeld ihrer persönlichen Biografie, die von martinikanischer und schwedischer Herkunft geprägt ist. Für Various Others zeigt Renard aktuelle sowie neue Arbeiten aus ihrer fortlaufenden Studie zu Reiterdenkmälern und architektonischen Ornamenten.
Direkt gegenüber befindet sich die Galerie von Françoise Heitsch, die mit ihrem international ausgerichteten Programm bereits seit 1992 die Münchner Galerienlandschaft bereichert. Für Various Others kuratiert Beral Madra die Duo-Ausstellung „re claim“ mit Arbeiten der griechischen Künstlerin Christina Calbari und des türkischen Künstlers Şakir Gökçebağ. In Calbaris melancholischen Malereien bevölkern androgyne Mischwesen – halb Tier, halb Mensch – sowie anonyme, gesichtslose junge Mädchen die Leinwände. Ihre figürlichen Darstellungen produzieren Abbilder unserer Gesellschaft und werden zu Projektionsflächen für einfühlsame Betrachter:innen. Gökçebağ arbeitet dagegen objektbasiert und kreiert raumgreifende Installationen aus alltäglichen Objekten, die unser Leben erleichtern und dabei unbeachtet bleiben. Gebrauchsgegenstände rücken plötzlich in den Fokus der Betrachtung und werden ästhetisch erfahrbar.
Nur wenige Gehminuten entfernt, direkt gegenüber dem Museum Brandhorst, befinden sich die Galerieräume von Jo van de Loo – eine seit 2011 fest im Münchner Kunstbetrieb etablierte Galerie, die ihren Fokus auf aufstrebende Künstler:innen setzt. Im Rahmen von Various Others wird Jo van de Loo mit der Berliner Galerie Noah Klink aktuelle Arbeiten von Andreas Chwatal sowie Werke von Irina Jasnowski Pascual präsentieren. Chwatal kreiert in Zeichnungen und großformatigen Malereien vielschichtige Bildräume, die von urbanen Szenen queerer Zwischenräume geprägt sind. Pascual arbeitet dagegen medienübergreifend, kleinteilig und installativ. Der Ausstellungstitel „True Romantic“ verweist humorvoll auf die Inhalte der Show, die sich um Themen wie Theater, queere Liebe und Voyeurismus drehen.
Die Maxvorstadt bietet eine Vielzahl von Galerien auf engem Raum. Gleich nebenan liegt bereits der nächste Stopp unserer Tour: Seit letztem Jahr ist hier, neben Jo van de Loo, ein Ableger der Berliner Galerie Friese zu finden. Für ihre erste Teilnahme an Various Others kooperiert die Galerie Friese mit dem Berliner Projekt Bildlabor Kleistpark. Unter dem Titel „Das Erste und das Letzte“ präsentiert die Galerie die Malereien des Düsseldorfer Künstlers Cornelius Völker. Seine großformatigen Arbeiten zeigen konzentrierte Darstellungen von Alltagsgegenständen, die auf den ersten Blick gegenständlich und auf den zweiten Blick abstrakt wirken. Je näher die Betrachter:innen treten, desto mehr rückt die Materialität der Malerei in den Vordergrund. Mit Fokus auf einen opaken Farbauftrag und breite Pinselstriche lässt Völker Alltägliches zu abstrakten Kompositionen werden.
Unweit davon, in der Theresienstraße 48, befindet sich KNUSTxKUNZ+, eine Dependance der Knust Kunz Gallery Editions, deren Hauptsitz in der Ludwigstraße 7 liegt. Hier, in der Theresienstraße, widmet sich die Galerie aufstrebenden Künstler:innen, während in der Ludwigstraße größtenteils bereits etablierte Künstler:innen präsentiert werden. Die Gruppenausstellung „Cunningham Capsule“ kombiniert diesen Ansatz und bringt die Arbeiten von Merce Cunningham, Nam June Paik und Saul Leiter mit denen der zeitgenössischen Künstlerin Lena Grossmann zusammen. Das verbindende Element ist die thematische Ausrichtung der Künstler:innen, deren Arbeiten sich um Tanz, Körper und Bewegung drehen. Cunningham zählt zu den einflussreichsten Choreografen des 20. Jahrhunderts, und seine Innovationen zur Ausdruckskraft des menschlichen Körpers begeistern bis heute. Die Tänzerin Carolyn Brown wird in Saul Leiters Fotografien wieder lebendig, und Nam June Paik zeigt Parallelen zwischen Körperund Technologien auf. Grossmann ist eingeladen, mit ihrer bildhauerischen Praxis auf das Konzept der Körperintelligenz zu reagieren, das den Arbeiten innewohnt.
Nur wenige Gehminuten entfernt liegt der Münchner Ableger der Berliner Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler. Seit Anfang letzten Jahres bespielt Kraupa-Tuskany Zeidler einen Raum in der Türkenstraße 43, in dem während Various Others eine Einzelausstellung unter dem Titel „Rules based Order“ des neuseeländischen Künstlers Simon Denny in Kooperation mit T293 aus Rom zu sehen sein wird. In seiner künstlerischen Praxis arbeitet Denny medienübergreifend mit Malerei, digitalen Medien, Installation, Skulptur, Druck und Video. Seine neuesten Arbeiten setzen sich mit der militärischen Ausrichtung der Tech-Branche auseinander und entstehen unter Verwendung speziell angefertigter CNC-Maschinen, umprogrammierter Plotter und eines handgeführten industriellen Tintenstrahldruckers.
Den Abschluss unserer Tour bilden zwei Einzelausstellungen in den Räumlichkeiten der Galerie Rüdiger Schöttle. Zum einen eröffnet die Ausstellung „Make or Break“ mit Arbeiten der in Mexiko geborenen und in den USA lebenden Künstlerin Milena Muzquiz, zum anderen die Ausstellung „Glory“ mit Arbeiten der kanadischen Künstlerin Elif Saydam. „Make or Break“ wurde in Zusammenarbeit mit der spanischen Galerie Travesía Cuatro für Various Others konzipiert und bietet einen Einblick in Muzquiz’ Keramikarbeiten und Ölgemälde. Die Ursprünge ihrer Bildwelten liegen in der visuellen Landschaft Tijuanas, einer mexikanischen Grenzstadt, die von Tourismus, Handel und dem Wechselspiel kultureller Eindrücke geprägt ist. „Glory“ zeigt dagegen eine Installation aus Saydams charakteristischen Miniaturwerken sowie eine neue Serie größerer Arbeiten in Öl, Collage und Blattsilber. Beide Künstlerinnen teilen das Interesse an der Sprache der Ornamentik, die sich in verschiedenen visuellen Codes widerspiegelt.
Diese Tour durch München bietet einen umfassenden Überblick über die Kunstszene der Maxvorstadt. Das kuratorische Programm der Galerien unterstreicht den kooperativen Anspruch des Various Others Festivals: Etablierte Positionen treffen auf aufstrebende Künstler:innen, internationale Kurator:innen und Galerien gehen einen Dialog mit der lokalen Szene ein und schaffen Raum für nachhaltige Gespräche. Die diesjährigen Ausstellungen machen deutlich, dass die Antworten auf die Fragen unserer Gegenwart nicht in Monologen, sondern im lebendigen Austausch liegen.