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“Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es vorwärts“ - Søren Kierkegaard
Auf der Schotterebene liegt die Stadt wie ein felsiges Tier vor den Alpen und döst in den Frühling. Im Innenhof des Hofbräuhaus schäumt das Bier vor den faltenfreien Gesichtern der Urweinwohner. An der Oper rasten einzelne Tagestouristen, die einen Besucherpass in der Lotterie gewonnen haben, auf den moosbewachsenen Liegen auf dem Max-Joseph-Platz. Im Englischen Garten tummeln sich Lehrlinge und Künstlerinnen, neben ihnen baden Privatiers genüsslich in den ersten Sonnenstrahlen, bewegungslos wie Eidechsen.
Die bleichen Körperteile ziehen sich gegenseitig an, die Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor wirkt wegen der vorgeschriebenen Hyper-Pheromone wie ein Aphrodisiakum. Die staatliche Kampagne im Kampf gegen den Verlust an Intimität in der Gesellschaft trägt die gewünschten Früchte. Seit Beginn der Aufzeichnungen kann man eindeutig einen positiven Trend vermerken. So sind zum Beispiel die Besucherzahlen auf Pornhub während des Frühlingsfestes auch dieses Jahr wieder eingebrochen, dieses Mal um achtundzwanzig Prozent. Rekordzahlen. Während die Datenanalysten noch darauf warten müssen, den direkten Vergleich mit Various Others 2037 zu ziehen, flirrt der Frühling über allem und hebt die Laune gleich mit.
Die Gegenwart scheint ewig, die Zeit still zu stehen. Wenn da nicht diese Zukunft wäre, die hier entstanden sein soll. Vor langer Zeit wurde sie heraufbeschworen. Es war die Rede von der Silicon Weisswurst, dem San Francisco Oberbayerns, dem Technologie-Wunder an der Isar, der wahren Hauptstadt der Innovation und der schönen Künste. Schließlich wurde hier die Verbindung von High-Tech und Tradition anno dazumal erfunden. Die Kühlmaschine mit dem Bier zum Beispiel. Oder der Laptop mit der Lederhosen. So genau weiß es heutzutage niemand mehr. Ein Gefühl reicht. Die Aura stimmt. Wer Fakten will, soll bitte seine Personal AI fragen.
“Yo, wähl die Grünen. Für Neuropa. Für Banger Bürokratie. Für Sex: In real life. IRL. Sei nicht delulu." So säuselt es eine Stimme aus einem Kommunalwahlplakat, das als Hologramm neben wir schwebt. Etwas peinlich, wie unsensibel hier ins Urban Dictionary einer Generation – Gen Z – gegriffen wird, um mich mit 2025 Slang zu verfolgen. Andererseits habe ich Verständnis dafür. Die verwirrenden Wählerwanderung stellen das etablierte Parteiensystem vor existentielle Rätsel.
Ich schließe das Hologramm mit einer Geste und . Auf meinem psycho-geographischen Ausflug, der durch die Vergangenheit und Gegenwart der Zukunft führen und in diesen Notizen zusammen fließen soll, will ich es wagen, offline zu sein.
Ist es verrückt? Sicher. Ist es gefährlich? Gut möglich. Bin ich nervös? Natürlich. Analog Reality soll das Bewusstsein auf den Kopf stellen. Viel heftiger als das Ayahuasca aus der Apotheke. Freunde von Freunden raunen von ultra-realen Halluzinationen. Meine Neugier überwiegt die Bedenken. Der Weg erscheint mir außerdem auch deutlich weniger crazy als diese Mönch-Methode. Diese Dudes haben wochenlang nichts mehr gegessen und sind der Zukunft mit Starkbier näher gekommen. Sowas in der Art habe ich zumindest im History Stream aufgeschnappt…
Also zurück zu meinem Experiment: Im Mai 2026 fanden in München eine Reihe Interventionen statt. Im Rahmen der Kunstmesse Various Others. Sie nannten das Vektoren. Ich glaube, das hatte etwas mit den Richtungslinien der Informationen zu tun. Diese Vektoren verbanden Standorte in der Stadt, an denen an der Zukunft gearbeitet wurde. Ich will die Richtung dieser Informationen rückwärts gehen. In einem Derivé, so nannten das die Situationisten. Analog also. Ohne das zweite Nervensystem in der Cloud. Es hat etwas Schamanenhaftes. Gehen als Schlüssel zu urbanen und utopischen Räumen. Und zu vergangenen Zukünften.
Forum der Zukunft
Hier bin ich also, vor dem Old Science-Fiction Museum. Als Münchner Kind muss ich sofort an den Faradayschen Käfig denken. Wir waren hier mit der Schulklasse. Das ist eine kollektive Erinnerung aller Münchner Schulklassen meiner Generation. Oder aller Schulklassen seit der Installation 1953. Es war wirklich sehr beeindruckend, wie der Blitzeinschlag simuliert wurde, das merkt man oft erst viel später, anhand der Hartnäckigkeit, wie sie sich im Gedächtnis behauptet. Bis zum Sommer 2026 war hier auch jahrelang der Nachtclub Blitz untergebracht. Es war eine großartige Musikanlage in eigens für die Erfahrung optimierten Räumen, in denen ausgewählte DJs ihre Lieblingsmusik vorspielten und die Besucherinnen dafür Eintritt zahlten, tanzten und sich paarten. Manchmal bin ich dort hingegangen, auch mehrere Tage hintereinander. Manchmal nicht. Es war auf jeden Fall immer schön, zu wissen, dass es das Blitz gibt. Irgendwann, kurz nachdem das Blitz zusperren musste, hörten die Leute auf zu tanzen. Sie fingen erst Jahre später wieder an, erst morgens, in Biergärten, dann abends, im Museum. Momentan verbreitet sich das Gerücht, dass ein anonymes Kollektiv plant, 2038 wieder einen authentischen Nachtclub zu öffnen, Arbeitstitel “No More Drama”.
“Alles ist Wissenschaft” stand 2026 auf einem Plakat, das an der Fassade des Deutschen Museums hing. Ich erinnere mich gut daran. Fotografisches Gedächtnis. Neben dem Slogan waren diverse Dinge abgebildet, eine Wunderkammer altertümlicher Erfindungen aus verschiedenen Epochen, in mehreren Zeilen nebeneinander gereiht. Unter den tollen Dingen befand sich eine Taube mit einem Fotoapparat. Während ich sinniere, wie es dazu kommen konnte, dass Tauben zwischenzeitlich einen miesen Ruf bekommen konnten, rennt ein Junge an der Isarpromenade einer Drohne hinterher, die zur Bismarck Statue abdreht und aufsteigt.
BMW Foundation
2015. Die good old days. Am Kabelsteg hatten wir eine Cerebro Frito Veranstaltung. Die good old days? Angela Merkels „Wir schaffen das“? Und was bitte ist Cerebro Frito? Im Grunde eine Dreirad Bar, mit der eine schräge Gruppe von sieben Freunden einen Sommer lang Bloody Marys und Mojitos verschenkt hatte. An die Münchner Kunst- und Klubszene und die ganzen Nepo Babys. Dazu reihten sich Gastbarkeeper und Playlist-DJs ein. Hier unten hatte der Künstler Martin Fengel die Musik ausgewählt. Am Tag darauf fand ein vietnamesisches Fisch-Ritual statt. Der Fluss erinnert sich sicherlich an uns.
Etwas flussabwärts hauste Wolfgang Flatz. Nach einem Besitzerwechsel wurde seine Atelierfläche 2022 gerichtlich weggeschwemmt. Aber nach einer kurzen Pause erholte sich das Areal von der Gentrifizierung. 2032 zog Flo Holzinger ein und residiert hier bis heute. Statt dem knorrigen Flatz und seiner Schwarzen Dogge Hitler ist es jetzt die Performance Künstlerin, die auf der Praterinsel die österreichische Kulturbotschaft wieder aufnahm und für den Kunststandort München eine irrsinnige Reklame entfesselte.
Die Salomonische Säule
Ja, es ist unglaublich: Gleich um die Ecke von der Berufsschule, der bedeutendsten Bildungsstätte der Stadt, hatte München vor nicht allzu langer Zeit eine Problemzone. Der Alte Botanische Garten war der letzte Dinosaurier, ein waschechter Needle Park. Im sauberen, schönen, etwas langweiligen München!
Der Gedanke lässt einen wohlig schaudern. Ich fühle mich wie ein Abenteurer an einer vergessenen archäologischen Ausgrabungsstätte. Statt den Fresken Pompejis, deren sexuelle Freizügigkeit es mal vermochte, die Fantasie zu beflügeln, sind es an diesem Ort die Gespenster von Gewalt und illegalen Drogen. Solche Dinge gibt es natürlich nicht mehr, seitdem Aufklärung, Legalisierung und Sozialisierung vollzogen worden sind. Der Weg dahin war holprig. Anfangs, ich glaube es war 2025 oder so, wurden sogar Skateboardfahrer als Mittel der Befriedung eingesetzt. Einst Feind Nr. 1 der Stadtplanung, stellte man ihnen nun plötzlich einen Skatepark bereit, damit sie den Ort belebten.
BR
Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es jetzt schon ist. Das soll Karl Valentin gesagt haben. Beim Bayerischen Rundfunk kam es noch schlimmer, aber der Fehler wurde schnell korrigiert. 2035 installierte man eine Künstliche Intelligenz als Dirigenten, gespeist aus den berühmtesten Konzerten der größten Meister. Von Barenboim über Kleiber, Rattle bis Furtwängler, alles war eingeflossen. Die Spielzeit wurde ein totaler Flopp. Wie sich überraschenderweise herausstellte, geht es bei klassischer Musik nicht allein um Perfektion, sondern auch um Gefühle. In der kommenden Spielzeit wird eine junge uigurische Dirigentin das Orchester leiten. Man sagt, sie sei ein Jahrhunderttalent. Sich schon 2036 festzulegen, ist vielleicht etwas vorschnell.
Ich stehe neben dem Rundfunkstadl. Münchens beste Bar und weltberühmt. In der Schlange erkenne ich eine Sängerin aus Tokyo und diesen einen Typen, der in Südkorea die Regeln von K-Pop veränderte. Heute Nachmittag spielt ein Neo-Afro-Futurismus-Ensemble aus Kenia live. Hoffentlich hat Johnny einen Platz und winkt mich rein. Wartend rauche ich eine Tabakzigarette, die gerade mal wieder total in Mode gekommen sind. Ein Dackel, das Wappentier der bayerischen Mythologie, zieht, vermutlich vom Augustinerkeller kommend, von rechts nach links an mir vorbei. So ist’s brav. Ein gutes Zeichen.
Karlstraße 77
Früher hing hier der süße Brauerei-Duft in der Luft. Heute plätschert das Gewässer vor dem Eingang ungestört, man würde sich über ein paar Enten im Wasserbecken freuen. Die nachhaltigen Outdoor-Lüftungsanlagen, die an der TU München entwickelt wurden, haben nicht nur den Feinstaub, sondern auch Hopfen und Malz erledigt. Der US AQI (Air Quality Index) liegt bei 1,0. Wie jeden Tag. Fresh and clean. Toujours. Alles ist aseptisch. Mit Duftnote Alpenglühen / Enzian. Der Baustellenlärm, der hier vor einigen Jahren die letzten Einheimischen in die Flucht geschlagen hat, ist verklungen. Aus der Großbaustelle sollte das Epizentrum des neuen Münchens erwachsen, das sich rund um den Hauptbahnhof ansiedelte. Auch ein guter Bekannter von mir hatte damals zähneknirschend sein Büro aufgegeben, die Presslufthammer haben am Ende auch ihn verjagt. Das war schade, von dort hatte man einen exzellenten Blick auf den Trachtenumzug der Wiesn, Leute in ulkigen Outfits haben totes Wild durch die Stadt getragen. Sowas ist heutzutage unvorstellbar. Leider.
Brienner Straße
Kurfürst Maximilian zeigt auf dem Wittelsbacherplatz nach vorne, “Da geht's lang”, und dabei auf das mondäne Gebäude, wo Various Others ihr Headquarters hatten. Die Taube auf seinem Kopf schaut in die andere Richtung, Richtung Schwabing. Praktizierte Meinungsfreiheit. Die Analoge Realität ist echt abgefahren.
Die Öko-Metropole München ist seit der Neugliederung Europas und der daraus resultierenden Gründung Neuropas eine eigenständige Territorialität. Beim Happiness Report landet sie seitdem ständig auf einem Spitzenplatz. Grund dafür ist das unerschütterliche Vertrauen in den Staat, die soziale Marktwirtschaft und die benevolenten Algorithmen. Ganz im Geiste Jürgen Habermas, der wusste, dass die Überlebensfähigkeit der Demokratie davon abhängt, dass die Menschen noch daran glauben, dass genug Spielraum bleibt, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.
WeWork / AWS
“Keine Parkplätze, keine Snacks.” So hat jemand 2026 das Gebäude auf Google kommentiert und mit einem von fünf Sternen bewertet. Fuck. Ich bin online. #Epicfail. Hektisch blockiere ich das zweite Nervensystem wieder.
Die Architektur erinnert mich an einen Wal. Weiss wie Moby Dick. Gestrandet wie Timmy. Timmy, der erschöpfte Buckelwal, der uns 2026 ein weiser Lehrmeister und Symbol des ganzen Landes wurde. Damals lag auch Deutschland auf einer Sandbank. Abwartend und unmotiviert. Nach Timmys tragischem Tod und gegenseitigen Schuldzuweisungen gab es ein Bürgerbegehren, um den Adler als Wappen abzulösen und den Meeressäuger einzusetzen. Es scheiterte, weil niemand zur Abstimmung ging.
Inzwischen ist der Glaube an die Zukunft repariert, im Habermasschen Sinne. Und weil die benevolenten Algorithmen ganze Arbeit leisten. Klar, es gibt noch immer Idioten, aber es werden weniger, sie sind harmlos und sie haben per default keine Machtbefugnisse. Jemand, der aussieht wie Andreas Scheuer, fährt mit einem Elektroroller vorbei. Schräg gegenüber, in dieser postmodernen Ritterburg, war einst das BOB BEAMON untergebracht, ein anderer Nachtklub aus der verlorenen Zeit, als Leute noch gemeinsam bis in den Morgen tanzten. Daneben, wo einst ein Eingang zu einer Fussgängerunterführung für “Underground” sorgte, ragt jetzt ein vertikaler Brunnen als Tor zur Wasserwelt Maxvorstadt empor.
Celonis / Maxvorstadt
Das Universitätsviertel ist eine Heterotopie. Seitdem die alten Kanäle geöffnet und das Wassersystem mit neuen Kanälen ergänzt wurde, sind große Teile des Viertels nach dem Venedig-Modell organisiert. Der Personen- und Lieferverkehr wird mit elektrischen Gondeln und Drohnen abgewickelt. Individuelle Verkehrsmittel sind nicht zugelassen. Mit einer Ausnahme: Im Winter kann man zwischen Theresienstraße, Elisabethstraße, Ludwigstraße und Arcisstraße Schlittschuhlaufen. Mit einem nachhaltigen Gefriersystem, das mit Hundekot betrieben wird, ist bei Temperaturen unter 7 Grad plus eine stabile Eisschicht gewährleistet. Im Sommer wiederum werden die Kanäle in der Türkenstraße und Amalienstraße zum Baden freigegeben und kühlen die Stadt ab. Um Sicherheit und Hygiene zu gewährleisten, wurde ein historisches Gesetz reaktiviert: Es gilt ein absolutes Chips-Verbot.
Im Celonis Innenhof spürt man nichts von dem Trubel und kann in Ruhe auf die Zukunft warten. Absolute Gegenwart. Ennui. Ein junge Frau geht zügig an mir vorbei zum Eingang. Sie zitiert Alexander Kluge: “Von den Sternen stürzt die Zeit”. Sonst passiert nichts. Nach zehn Minuten entschliesse ich mich, bei Balla Beni Eis essen zu gehen: Schoko-Ingwer und Rose-Hibiskus.
Kreativquartier
Es ist zweiundzwanzig Jahre her, dass Dominik Krause Oberbürgermeister wurde und als bayerischer Zohran Mamdani gefeiert wurde. Vergleiche mit New York waren damals schwer in Mode, jedoch auch etwas vermessen. Inzwischen gibt es in Queens ein Pionierprojekt namens “Kreativquartier Schwabylon” und in den Brooklyn Navy Yards einen Ableger des Munich Urban Colabs.
2034 wurde hier der Hyperloop Bahnhof München eröffnet. In 45 Minuten pendelt man zwischen München und Berlin. Mit fast 1000 km/h. Nahe der Schallgeschwindigkeit. Selbstverständlich pünktlich. Im Kreativquartier ist seitdem nichts mehr wie früher. Rund um den Kern des Geländes hat sich ein Gürtel von Technologie-Unternehmen, Ateliers, Galerien, Restaurants und Bars gelegt und manche sagen, hier entsteht die Agora Neuropas.
Polarise / Tucherpark
Nachdem die Eisbachwelle erneut verschwand – eine Theorie bringt die christlich-sozialen Öko-Terroristen damit in Verbindung, eine Splittergruppe der PSF, der Post-Söder-Fraktion, die sich beim Entwicklungssprung zur Öko-Metropole abgehängt fühlten und sich im Untergrund radikalisierten – wurde im Tucherpark ein neues Surfparadies gebaut.
Im Gefilde, das den Tucherpark und den Englischen Garten verbindet, wurde im Zuge dessen ein Reservat für Vögel eingerichtet. Der absoluten Vernunft zum Trotz entwickelte sich hier ein spezieller Neo-Schamanismus und der Himmelsraum wurde zum Augural-Bezirk erklärt. Eine Gruppe junger Männer kleidet sich wie römische Priester. Ich bin einer von ihnen. Wir deuten den Willen der Zukunft durch die Beobachtung der Flugrichtung von Vögeln und den Laufweg von Dackeln. Die Vektoren von Krähen sind besonders bedeutsam.
Links = Glück
Rechts = Unglück
Look up!